
Ich sah Patmos zum ersten Mal an einem lauen Abend im Mai.
Von Kos aus war ich mit der großen Fähre Ialyssos unterwegs. Eine durchsichtige Dunkelheit hatte sich nach und nach auf die Inselwelt gelegt und sie in ihre zarten Schleier gehüllt. Das Schiff drosselt die Motoren und tastete die tief eingeschnittene Hafenbucht mit seinen weitreichenden Scheinwerfern wie mit langen Fühlern ab. Es war windstill, und man hörte außer dem gleichmäßigen Motorenstampfen nur das Klatschen der Meereswellen an die das Wasser langsam durchpflügenden Schiffswände.

Ich stand an der Reling und bewunderte das phantastische Lichtspektakel, das sich meinen Augen bot. Am Horizont lag das kleine Eiland wie ein fernes und verschlossenes Geheimnis still auf dem Meer. Auf seiner höchsten Erhebung funkelte die mächtige Zinnen-Krone des Johannesklosters. Scheinwerfer rundherum zauberten einen Strahlenkranz um die trutzige Festung, der sie wie ein Heiligenschein umgab. "Die Insel mit dem Heiligenschein", dachte ich.
Auf der spiegelglatten und dunklen Meeresoberfläche schwammen verschieden große, flimmernde, hoch aufgestellte Dreiecke, die sich beim Näherkommen in hell erleuchtete Kreuzfahrschiffe verwandelten. Ihre Lichtergirlanden ließen sie wie glitzernde schwimmende Weihnachtsbäume erscheinen.
Ich versuchte, mir das Leben auf diesen Schmuckstücken des Meeres vorzustellen. Ähnlich wie auf der Fähre, auf der ich mich im Augenblick befand, beherbergen die Kreuzfahrschiffe hundert bis tausend Menschen mit ihren unterschiedlichsten Schicksalen in ihrem Schiffskörper, die auf Tage und Wochen wie in einem Ghetto leben. Was für Lebensgeschichten mögen sich da verbergen oder auch nicht! Gleichzeitig wurde mir klar, dass die Kreuzfahrschiffe zu Patmos wie die Turmfalken zu einem Turm gehören. Regelmäßig passieren sie - manchmal sind es bis zu sechs Prachtexemplare am Tag - die Insel des Heiligen Johannes, wie Patmos auch genannt wird. Ohne sie wären die Einwohner wahrscheinlich nicht so wohlhabend, wie sie es glücklicherweise heute sind.
Auf der linken Seite der Bucht schwebte das Kapellchen Ajía Paraskewí im warmen Lichterschein auf einem kleinen angestrahlten Felsen, während auf der ihm gegenüber liegenden Hügelkette ein großes Neonlicht-Kreuz seinen blauen, kalten Schein zur Begrüßung aussandte. Einsam schien es auf der dunklen Anhöhe den Besucher zu informieren: "Du bist auf einer heiligen Insel. Nimm es wahr und respektiere es!"
Geradeaus vor mir blinkten wie Diamanten die erhellten Häuser des kleinen Hafenortes Skála.
Das ganze Bild ließ mich an eine wunderschöne, romantische Opernkulisse denken. Der Anblick war einfach überwältigend.
Es befanden sich nicht viele Passagiere an Bord. Die meisten von ihnen waren Griechen und schienen einander zu kennen. Vielleicht kamen sie von Rhodos oder den umliegenden Inseln von einer Geschäftsreise oder einem Verwandtenbesuch zurück.
Als die Fähre anlegte, strömten die Menschen mit ihren vielen Gepäckstücken wie von einem magischen Sog gezogen, puffend und schupsend in hektischer Eile ins Freie. Gleichzeitig kämpften sich von der entgegengesetzten Seite die neuen Passagieren mit ihren sperrigen Kisten, Koffern und Tüten ungeduldig durch, um über die Ladeluke in den riesigen Schiffsschlund zu gelangen, so als ob das Schiff jeden Augenblick ohne sie abfahren würde. Ein- und ausfahrende Lastwagen, kleine und große Autos, Lieferwägen und Motorräder vervollständigten mit ihrem dröhnenden Motorenlärm und ihren übel riechenden Auspuffgasen das Chaos.
Ich hatte mich inzwischen vom oberen Deck in den unteren Laderaum begeben, um dort meine Vespa zu starten, mit der ich die Insel erkunden wollte. Eine böse Überraschung erwartete mich hier. Meine Vespa stand zwar noch an ihrem Platz, was in Griechenland nicht immer selbstverständlich ist, aber zwei riesige Lastwägen hatten sie zwischen sich eingekeilt. Nie und nimmer würde ich sie frei bekommen. Die Fähre war mittlerweile schon wieder startklar, jedenfalls schien es mir so, Panik bemächtigte sich meiner. Weit und breit war kein Fahrer zu sehen. Ich stand vollkommen alleine und verzweifelte langsam. Wahrscheinlich saßen sie an der Schiffsbar und tranken gemütlich ihren griechischen Apéretiv Ouzo und fuhren bis Rhodos. Ich war der letzte Passagier und sah mich schon ohne meine geliebte Vespa aussteigen. In meiner Not schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel und machte gleich darauf die Erfahrung, dass auf Patmos anscheinend noch immer Wunder geschehen. Ein Hüne von einem Schiffsangestellten tauchte plötzlich vor mir auf und hob meine Vespa wie eine Feder durch sämtliche Engpässe zwischen den beiden Lastern hindurch ins Freie. Ich dankte ihm und allen guten Geistern des griechischen Himmels.
Wie ausgespuckt stand ich an der Hafenmole. Eine bunte Menschenmenge quirlte durcheinander. Wartende schlossen die Ankommenden in die Arme. Zurückbleibende winkten den Abreisenden, zerdrückten auch hier und da eine Träne. Hotel- und Pensionsbesitzer boten mit Schildern ausgerüstet lautstark ihre Zimmer an, Hunde bellten, und Autos aller Größen, sowie knatternde Motorräder vervollständigten auch hier wieder das typisch griechische Chaos, das für die Griechen so gar keines ist.
Allmählich teilte sich die Menge, löste sich in kleine vereinzelte Trauben auf. Man trieb auseinander, suchte sich ein Taxi oder andere Mitfahrmöglichkeiten, und nach wenigen Minuten war die Mole wie ausgestorben, der Spuk plötzlich vorbei.
Niemand erwartete mich. Die Luft roch würzig nach Meer und frischen Kräutern, nach grünem saftigen Gras und klarem Wind.
Ich schloß die Augen und horchte tief in mich hinein. Entdeckungslust stieg in mir auf, vermischt mit einer großen Ehrfurcht vor der Jahrtausende alten Kulturgeschichte der Insel. Ich hatte mich in sie verliebt - es war die große Liebe auf den ersten Blick.

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(neue Auflage ab 2007 verfügbar; engl. Ausgabe sofort lieferbar: "Island with a Halo")